Der 2020 Krisenblog

Siebenter Tag

Bis jetzt halten wir die Isolation noch recht gut aus. Für mich, meine engere Familie, und viele andere ist es ein komfortables Unglück. Man kann sich sogar über einiges freuen: Wie schnell viele gelernt haben, die digitalen Medien für die Sozialkontakte und die Arbeit zu nutzen; über die Live-Performances von Künstlerinnen und Künstlern auf Facebook; über die Meldungen von hilfsbereiten Menschen.
Aber wie lange werden wir die Enge aushalten? Wann und wie sehr wird die Gereiztheit steigen? Werden Niedergeschlagenheit und Depressionen sich ausbreiten, werden angesichts sich voraussichtlich häufender Katastrophenmeldungen die Angst und die Unsicherheit wachsen? Wann wird die Ruhe da draußen nicht nur erstaunlich und seltsam, sondern bedrückend sein, wird zu einer schreienden Ruhe werden?
Erste kleine Anzeichen gibt es bereits im näheren sozialen Umfeld: Eine Kollegin, deren Sohn erkrankt ist, eine junge Frau, die nach ihrem Pflegestudium mit der noch wenig koordinierten Vorbereitungspanik des Spitals und der Behörden konfrontiert ist und Angst vor dem hat, was da auf sie zukommt.
Die Einschläge kommen näher. Und in den nächsten Wochen sind gehäufte Hiobsbotschaften aus der ganzen Welt zu erwarten, begleitet von zahllosen Kommentaren und Prophezeiungen. Es wird schwieriger werden für die Regierung, mit ihren Botschaften durchzukommen. Der Stress wird für viele Menschen sehr groß werden. Für jene, die nicht zu Hause bleiben können, und für jene, die zu Hause bleiben müssen.
So lange diese Krise noch relativ komfortabel ist, sollte man Kraft tanken, sage ich mir, sollte sich ein gutes Leben machen, um bereit zu sein für die Stresszeiten, die kommen werden. Zeiten, in denen man sich intensiv um jene kümmern muss, die direkt gefährdet sind oder die an Begleiterscheinungen der Krise zu verzweifeln drohen.
Währenddessen ergreift Orban in unserem Nachbarland die Gelegenheit, in seiner „illiberalen Demokratie“ einige entschlossene Schritte in Richtung Diktatur zu machen. Anhänger*innen autoritärer Systeme und Fans eines Polizeistaates haben vermehrt feuchte Träume.
Sonne heute Morgen, Wind, Kälte zum Frühlingsbeginn. Die Mittagsglocken waren deutlich zu hören wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr. Zuerst die Großjedlersdorfer, dann die Stammersdorfer, dann die Strebersdorfer. Ländlicher Sound. Geschätzte acht Fußballspiele haben dieses Wochenende nicht in Großjedlersdorf stattgefunden. Die Heurigen waren geschlossen und leer. Alle Menschen, denen ich bei meinen Kurzwanderungen begegnete, wichen mir aus. Manche aber lächelten zurück, wenn ich sie anlächelte.

Achter Tag

Wie immer tobt ein Kampf um die Interpretation dessen, was wir gerade erleben. Wobei: „Wir“ erleben nicht alle das Gleiche. Gewiss, es gibt einiges, was wir gemeinsam haben. Zum Beispiel, dass seit Wochen abends im Westen die Venus kräftig leuchtet. Heute ist sie der einzige „Stern“, der den Dunst durchdringt. Oder dass zwischen uns die Autobusse ihre einsamen Runden ziehen.
Die Aufregung über das türkis eingefärbte „Team Österreich“ scheint mir überzogen. Es ist einer der zwar üblichen, aber doch vergeblichen Versuche, in Volksgemeinschaft zu machen. Die Wiener SPÖ hat das in den 1990ern mit „Team für Wien“ versucht, auch so ein schwammiges Ding zwischen Vorfeldorganisation der SP und Engagement für die Stadt. Hat nicht geklappt. Volksgemeinschaft ist nicht das, was die Leute wollen. Zu den Hoch-Zeiten des Konzepts ging es auch nur auf, wenn ordentlich Druck dahinter gesetzt wurde. Am günstigsten in Form von Terror gegen alle, die sich nicht fügen wollten.
Für die, die dieses Gefühl der Volksgemeinschaft mögen, gibt es heute die Gabalier-Open Airs. Schon allein daran sieht man, wie heruntergekommen diese Idee ist.
Man muss überhaupt erst auf die Idee kommen, die Venus anzuschauen, oder an den Bussen nicht die Leere, sondern die trotzige Regelmäßigkeit zu erkennen. Daher wird es weder eine rechte noch eine linke Volksgemeinschaft geben. Das ist der Vorteil der allgemeinen Meckerei und Besserwisserei, ja auch der manchmal ärgerlichen Egozentriertheit: Lästig, aber auch ein Anti-Einheits-Mittel.
Heute scheinen alle aufgewacht zu sein, der erste „normale“ Arbeitstag. Plötzlich werde ich mit Mails bombardiert, was denn nicht alles in kürzester Zeit zu liefern, zu entscheiden, zu erledigen sei. Jetzt, wo ja eh alle so viel Zeit haben. Interessant.
Heute ist der erste Tag, an dem ich glatt vergessen habe, mir neben dem abendlichen Kochen ein Bier einzuschenken. Auch eine Art der Verwahrlosung.
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Neunter Tag

Vor einer Woche habe ich begonnen, täglich zumindest die allseits empfohlenen 10.000 Schritte zu wandern – mein iPhone zählt brav mit. Damals vermieden die meisten Entgegenkommenden sogar den Blickkontakt, als wäre der auch eine Gefährdung, oder als schämten sie sich. Heute grüßte die Mehrheit, mit kurzem Blickkontakt, einem Nicken. Einmal hörte ich eine Säge, irgendwo in Stammersdorf, einen guten Kilometer entfernt. Erinnerungen an lang vergangene Zeiten, an die Ambient Soundscapes der Sommerfrischen am Land. Die gackernden Hühner und der krähende Hahn fehlten heute allerdings.
Es gab erst eine ähnliche Situation in meinem Leben. Als Zivildiener waren wir mit dem Rettungswagen eine Böschung hinuntergekullert und ich war verletzt, musste zwei Monate zu Hause bleiben. Damals hatte ich Schwierigkeiten, einen Tagesrhythmus zu halten – naja, ich hab´s gleich gar nicht versucht – hab mir eher zu viel Eigenmedikation mit Alkohol verabreicht und zugenommen hab ich auch prächtig. Jetzt: nichts dergleichen. Wie weit ist es nur mit mir gekommen?!
Inzwischen schwenken fast alle Länder auf die radikalen Maßnahmen um. Das tun sie nicht, weil die Regierungen so viel Lust auf Diktatur hätten, mit der kommenden Wirtschaftskrise handeln sie sich ja Riesenprobleme ein. Soweit es mich betrifft, will ich Debatten darüber, ob man irgendwas hätte anders machen können, erst nachher führen, wenn man Distanz und hinreichend Daten hat. Es liegt mir nix daran, mit Halbwissen (oder Unwissen) danebenzustehen und für einen vermeintlich alternativen Ansatz zu plädieren, nur weil mir der irgendwie auch plausibel vorkommt. Übrigens: Einer hat doch Lust auf Diktatur. Meister Orban wird seine Allmacht kriegen, leider. Und unsere Union wird ihre liebe Not damit haben, damit auch noch.
Heute wurde wohl vielen klarer, dass wir uns noch lange in diesem Krisenmodus befinden werden. Nun auch die Olympischen Spiele verschoben, die erst im Sommer stattfinden hätten sollen. Nach Ostern wird es ähnlich weitergehen wie bisher, meinte der Kanzler, und der neue Maturatermin wird wohl auch nicht halten (meine ich). Da könnte man schon ein wenig geknickt sein, wie die Halme auf dem Feld.
Wertvolle Nahrung ist eingetroffen: Die neue Nummer von Lettre International. Auf dass meinereins nicht verdumme in den nächsten Wochen.
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Zehnter Tag

Schreiben aus einer privilegierten Position heraus: Ich bin ja eh nicht der erste, der darauf hinweist: Es lässt sich gut räsonieren (schönes altes Wort übrigens, vom Aussterben bedroht), wenn man wie ich (und viele meiner Facebook-Friends) ein gesichertes Einkommen hat und eine Unterkunft, groß genug um allen Familienmitgliedern auch die Möglichkeit zu geben, die Tür hinter sich zu schließen. Dazu noch ein wirklicher hübscher Auslauf rundum. Zu allem Überfluss auch noch liebe und freundliche Nachbarn.
Ich habe keinen Bodenkontakt, jetzt, wo ich durch die Schließung der Gastronomiebetriebe die bisher so sorgsam gepflegten „schwachen“ Beziehungen verloren habe zu Badewascheln, Taglöhnern, Billa-Kassiererinnen, frühpensionierten Alkoholiker*innen, Serviererinnen, ehemaligen Knastbrüdern, geselligen Paaren und ungeselligen Alleinsitzern, zu den hoffnungsfroh ihr Geschäft betreibenden jungen Männern jedweder Herkunft, den lauten Mädels und den gehässigen Motschgeranten. Sie gehen mir ab, das Schmähführen dort und die Beziehungsdramen, sogar die Schimpferei.
Hier in meinem Heim-Büro sitzend komme ich mir sehr blöd vor, gscheitzuwascheln (kennt ihr das Wort? Ich hab´s erst durch meine wunderbare aus der Steiermark gebürtige Partnerin kennengelernt). Also gscheitzuwascheln über das moralisch Richtige bei der Rettung der Welt, und wer jetzt durch welche Vorgehensweise geopfert wird. In Deutschland (und auch hierzulande) meinen einige, der Shutdown setzt der Wirtschaft zu sehr zu, besser wäre, alle Angehörige von Risikogruppen komplett wegzusperren und die anderen könnten normal leben, arbeiten und sich vergnügen. Dahin könnte es kommen, und Julian Nida-Rümelin, Philosoph mit den Spezialgebieten Entscheidungs- und Rationalitätstheorie, theoretische und angewandte Ethik, politische Philosophie und Erkenntnistheorie, argumentiert das ruhig und schlüssig, betont sogar, dass die mit dem Risiko sich zur Isolation freiwillig entschließen können/sollen. Ich werd´s mir durch den Kopf gehen lassen.
Ich würde jetzt sehr gerne meine selten verwendete Spiegelreflex auspacken, durch den fast stillgelegten Flughafen wandern und soooo viele romantische Fotos machen. Gerne auch mit Sonnenuntergang, um ein paar likes zu fischen.
Jetzt zeigt sich die Weitsicht der Berlinerinnen und Berliner: Ihr neuer Flughafen ist absolut perfekt für diese Zeiten.
Zu allem Überfluss ist auch noch Manu Dibango gestorben, am Corona-Virus. Großer des Afro-Jazz. Ich höre ihn heute sicher noch eine halbe oder ganze Stunde mit seinem Saxophon und seiner Fröhlichkeit.
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Elfter Tag

Die Außentemperatur ist gestiegen, die Vögel sind wieder da und singen, der Prozentsatz der Leute, die mich auf meiner Runde grüßen, geht ebenfalls nach oben.
Endlich einmal ein Wort zum Klopapier: Unser Verbrauch ist auf nahezu das Doppelte gestiegen. Kein Wunder, wenn alle Bedürfnisse inhouse abgedeckt werden müssen. Von Klopapierwitzen habe ich vorerst einmal genug.
Ebenso von jenem Gerede von der Krise als Chance, das mir gegenüber jenen, die tatsächlich in einer stecken, immer schon zynisch vorgekommen ist. In einer Krise geht es vorerst einmal stets um das Überleben, ums Durchkommen. Da kommt mir der Klappentext zum neuen Buch der guten Donna J. Haraway gerade gelegen (sh. Foto). Sonst geht es in ihrem Text um die Beziehung der Arten auf diesem Planeten. Von Holobionten ist die Rede, von Monarchfaltern, vom Sich verwandt machen, von Terraforming und Kompostisten und Critter. Ich freu mich auf die Lektüre.
Der Herr Sohn, inzwischen 12, macht sich Gedanken über seinen Weg und seine künftige Position in der Welt. Hier sei nur seine Vision für die Pension genannt: Ein Haus haben, in fußläufiger Entfernung zu einem schönen Schigebiet, und auf der anderen Seite ein kurzer Weg in eine Stadt. Präzisierung: Als Stadt gilt für ihn erst, was deutlich größer ist als Graz. Ich wünsche ihm, dass es dann noch Schigebiete gibt. Zeit, die Stadt aufzubauen, wäre ja noch. Ans Zukunftsverbot hält er sich jedenfalls nicht, und das ist vielleicht ganz gut so.
Einige deutsche Bundesländer hatten erwogen, heuer die Maturaprüfung (Abitur heißt das dort) ausfallen zu lassen und, welch Skandal, den Schülerinnen und Schülern heuer das Abschlusszeugnis ganz einfach so zu geben, weil sie ohnehin alle Gegenstände positiv abgeschlossen haben. Sie wurden schnell zurückgepfiffen. Schade, das wäre eine gute Gelegenheit gewesen auszuprobieren, ob die dann dümmer wären. Vielleicht wäre es ein Anlass gewesen, in Zukunft überhaupt auf stressige ritualisierte Großprüfungen zu verzichten. Zum allseits propagierten kompetenzorientierten Lernen passen sie ohnehin schon länger nicht.
Bin ich jetzt auch in die „Krise ist gleich Chance“-Falle getappt? Es scheint so. Gleich wurde ich bestraft.
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