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Kiew – 3 Tage im Sommer 2014

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In einem jener seltsamen Artikel auf Telepolis wurde die Ukraine als "failed state" bezeichnet. Diese Einschätzung kam wohl etwas zu früh. Ungeachtet der tatsächlich besorgniserregenden Ereignisse im Osten des Landes funktioniert die Ukraine einigermaßen und man wird nicht durch Straßensperren von Milizionären aufgehalten, die Warlords gehorchen. Ich komme am Flughafen Borisow nahe Kiew an, lasse eine korrekte und kurze Passkontrolle über mich ergehen und freue mich über das selten gewordene Vergnügen eines Stempels in meinem maschinenlesbaren Reisedokument ...

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Der Bus bringt mich nach langer Fahrt durch spätsozialistisch anmutende Wohnlandschaften zum Hauptbahnhof, von dort gehe ich durch die Stadt bis zu meinem Hotel in der Nähe des Majdan. Eine Pause in einem der vielen Schanigärten, dann weiter durch die Hitze.

Der Majdan ist noch gezeichnet von den Februartagen. Geblieben sind einige Barrikaden und zahlreiche Zelte. Mithilfe von Holz, Autoreifen, Abfall sind Höfe geformt. In ihnen sitzen die Überbleibsel, jene, die den Kampf des Majdan nicht beenden können. Skurrile Figuren, die meisten Bewohner und Bewohnerinnen scheinen jedoch zum berühmt gewordenen und der russischen Propaganda so willkommenen "Rechten Sektor" zu gehören. Insgesamt vielleicht 150 Personen, die hier dauerhaft zu campieren scheinen und nichts besseres zu tun haben. Die hunderttausenden anderen, für die der Begriff "Majdan" inzwischen steht, sind wieder nach Hause gegangen oder zur Arbeit. Sie haben gewählt, der Kandidat des Rechten Sektors hat es auf knapp ein Prozent gebracht. Zu wenig für eine "faschistische Diktatur". Aber hier, auf dem Majdan, da gibt es sie noch.

Jeden Abend wird eine Bühne bespielt. Einmal ein Sänger mit Gitarre, einmal ein Redner. Vor der Bühne verlieren sich 30 bis 40 Zuhörer und Zuhörerinnen. Was hier gespielt wird, ist nicht mehr geschichtsträchtig. Große Teile des Platzes und noch ca. 200 Meter der Kiewer Prachtmeile, der Khreschatyk, wirken wie ein selbstverwaltetes Wohnungslosenquartier mit einer leicht martialischen Anmutung wegen der dekorativ platzierten Gasmasken, der von den Männern bevorzugten Camouflage-Kleidung und den schmutziggrünen Militärzelten.

Richtung Süden mündet der Platz in eine relativ steil ansteigende Straße, die in ein Stadtviertel führt, in dem sich u.a. der Präsidentenpalast und das Parlament befinden. Der Weg ist immer noch von zwei im Abstand von ca. 30 Metern aufgetürmten Barrikaden blockiert. An der unteren arbeitet ein einsamer Mann mit nacktem Oberkörper und der unvermeidlichen Camouflage-Hose. Mit gebotener Langsamkeit und Würde sortiert er das Baumaterial. Neben der Barrikade befinden sich bereits ein Häuflein Pflastersteine, ein Häuflein Altholz, ein Häuflein Altmetall, ein Häuflein Textilien. Alles in Ordnung, fragt er mich, ist das da – eine Handbewegung, die vage den ganzen Platz umfasst – ist das ok? Es ist ok, sage ich. Ob ich eine Zigarette hätte. Die Barrikade stinkt, und das hat einen guten Grund. Man erkennt zwei große Mülltonnen, die in sie eingebaut sind.

Auf der anderen Seite der Barrikade schreibt ein Polizist etwas in sein Notizbuch. Vor ihm auf dem Boden liegen sorgfältig aufgereiht neben einem Maßband einige Patronenhülsen. Ein Fotograf tut seine Arbeit.

Während auf der anderen, der größeren Seite des Platzes das Geschäftsleben schon wieder floriert – die Zeltstadt ist im Inneren, die Gehsteige an den Rändern sind belebt und zeugen von ganz normalem Großstadtalltag – ist auf dieser Südseite ein modernes Einkaufszentrum in einem beklagenswerten Zustand. Es sollte einst wohl auf besseres Publikum zielen, aber das kommt jetzt nicht mehr.

Auf dem Weg an den Barrikaden vorbei in die Oberstadt ist jeder Baum zu einem Gedenkschrein für eines der Opfer des Majdan umfunktioniert worden. Betrachtet man die Bilder der Erschossenen, so ergibt sich wohl ein Bild davon, wie bunt die Belegschaft des Majdan in jenen entscheidenden Tagen war. Frauen, Männer, wenn ich mir ihre Bilder ansehe, dann fantasiere ich dazu, was sie gewesen sein könnten. Kämpfer des Rechten Sektors; ein kaum noch erwachsener Bursche mit sanften Augen und einer Struwwelfrisur; eine Frau mittleren Alters, vielleicht Angestellte (als Sozialarbeiterin kann ich sie mir auch vorstellen); ein gut gekleideter Herr mit Mikrofon, wahrscheinlich schon vorher politisch engagiert; ein älterer Mann mit knorrigem Gesicht in einer ländlichen Tracht. Und so weiter, noch ca. 90 andere.

Auf meinen ausgedehnten Spaziergängen durch die Stadt fällt auf, dass Kiew viele Charakteristika osteuropäischer Städte teilt. Die U-Bahn nach dem sowjetischen Modell mit den unglaublich langen Rolltreppen. Viele architektonische Überbleibsel aus den verschiedenen Phasen der Baukultur und Bauunkultur des 20. Jahrhunderts, inklusive der Nachwende-Protzbauten, die Anleihen am stalinistischen Stil nahmen. Die vielen unterirdischen Fußgängerpassagen, alle voll mit winzigen Geschäften. Eine große Zahl an schwarzen Luxusfahrzeugen vorwiegend deutscher Autobauer, dazwischen auch einmal einige alte Ladas. Wie einst in Los Angeles scheint irgendwann die Straßenbahn eliminiert worden zu sein. Der öffentliche Verkehr wird abgesehen von der überlasteten U-Bahn durch Autobusse abgewickelt. Fahrräder sieht man selten. Manchmal klafft ein tiefes Loch im Gehsteig.

Das Pintchuk Art Centre steht in den Reiseführern, auf seiner Website verspricht es ein interessantes Ausstellungsprogramm. Ich gehe daran vorbei und blicke suchend um mich. Es ist in einem Einkaufszentrum untergebracht – wer hätte das gedacht. Am eindrucksvollsten ist die Schau von xxxxx.xxx, der einen Stock mit seiner Auseinandersetzung mit den Greueltaten der belgischen Kolonialherrschaft im Kongo belegt. Großformatige Bilder, alle komponiert aus den Flügeldecken von Juwelenkäfern. Grünblau schillernd die Zeichen und Akteure des Kolonialismus, aber auch des Widerstands. Von den ebenfalls ausgestellten Werken aktueller ukrainischer Künstlerinnen und Künstler bleibt nur eine vage Erinnerung: Es herrscht Fotografierverbot, zum Ausgleich gibt's keinen Katalog zu kaufen. Schade.

Der touristischen Hauptattraktion, den Lavra-Klöstern, statte ich einen kurzen Höflichkeitsbesuch ab. Am meisten begeistern mich dort der Blick auf den Dnjepr und eine Werkstatt. Vor letzterer stehen Kirchturmspitzen aus glänzendem Messing, diverse Größen. Preistaferl inklusive.

Gegenüber dem Klöstergelände ein Ausstellungssaal mit aktueller ukrainischer Kunst, das hilft nach so viel Gold, Ikonen und byzantinischer Finsternis. Weniger Security als bei Pintchuk, und fotografieren darf man, so viel man will. Hier fühle ich mich zu Hause, noch dazu sind die ausgestellten Werke erfrischend. Eines davon: "Odysee im Weltraum" zeigt ukrainische Dörfer als fliegende Untertassen unterwegs in den unendlichen Weiten, wobei ein beachtliches Gedränge herrscht.

Währenddessen ruft Frau Merkel gemeinsam mit Herrn Putin die ukrainische Regierung zu Verhandlungen mit den "Rebellen" im Donbass auf. Worüber wäre zu verhandeln? Und wen repräsentieren diese Möchtegern-Warlords? Ein großes Unbehagen bleibt angesichts der Grenzen nicht respektierenden russischen Politik des letzten halben Jahres, angesichts der üblen Figuren aus dem Tschetschenienkrieg, die Donezk in Geiselhaft halten.

In Kiew leben mehr als zweieinhalb Millionen Menschen. Die Anzeigetafel am Bahnhof zeigt die Abfahrten und Ankünfte an. Sehr viele sind es nicht, solche aus oder nach Donezk sind nicht dabei. Auch der Flughafen wirkt eher beschaulich. Es ist noch ein weiter Weg nach Europa, obwohl der Sternenkranz der Union in Kiew wohl öfter zu sehen ist als in Wien.

Peter Pantuček-Eisenbacher, 18.7.2014

ps.: Kaum war ich nach Hause zurückgekehrt, ging die Meldung vom Abschuss eines Passagierjets in der Gegend von Donezk durch die Newskanäle. Wie es aussieht, eine Fehlleistung der „Rebellen“. Die Sorgen werden größer.